Bilder für Leichte Sprache – am Beispiel einer sensiblen Informationsbroschüre

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Eine Frau in einem hellblauen Hemd, Grafikdesignerin Julia Harms, sitzt an einem Schreibtisch am Fenster, lächelt und bedient mit einem Stylus ein Tablet. An der Wand im Hintergrund sind bunte Zeichnungen und eine Herzform zu sehen.

Bei Infor­ma­tio­nen in Leich­ter Spra­che gehört zu jedem Sinn­ab­schnitt ein Bild – es hilft, den Text zu ver­ste­hen. Bei der Auf­klä­rungs­bro­schü­re Frü­he Fehl­ge­burt in den ers­ten 12 Wochen“ stan­den wir dabei vor meh­re­ren inhalt­li­chen Herausforderungen:

  • Wie stellt man eine Frau dar, der man im ers­ten Tri­mes­ter die Schwan­ger­schaft noch gar nicht ansieht? 
  • Wie zeigt man sen­si­bel, aber mög­lichst kon­kret, dass es bei einer Fehl­ge­burt zu Blu­tun­gen kommt?
  • Wie macht man Sach­ver­hal­te sicht­bar, über die man sonst nicht spricht?
Das Wich­tigs­te auf einen Blick
  • Kör­per­spra­che als Bild­mo­tiv in Leich­ter Sprache:
    • Eine Schwan­ger­schaft sieht man im ers­ten Tri­mes­ter nicht. Eine Ges­te kann trotz­dem zei­gen, wor­um es geht. 
    • Kin­der zei­gen mit dem Fin­ger auf das, was sie nicht ver­ste­hen. Indem wir das auf­grei­fen, erzäh­len wir in einem Bild ein gan­zes Gespräch.
    • Nicht jedes Bild­mo­tiv muss neu erfun­den wer­den: Der erho­be­ne Zei­ge­fin­ger ist in Leich­ter Spra­che längst etabliert. 
  • Sen­si­ble Bil­der für Leich­te Sprache
    • Eine Blu­tung gehört zum The­ma Fehl­ge­burt dazu und darf nicht feh­len – aber sie muss nicht dras­tisch dar­ge­stellt werden. 
    • Mit Bil­dern lässt sich der Fokus len­ken: Statt einer OP kann man auch die wich­ti­ge, medi­zi­ni­sche Beglei­tung durch Fach­per­so­nal in den Vor­der­grund stellen.
  • Wie­der­keh­ren­de Bild­mo­ti­ve für bes­se­res Ver­ständ­nis
    Wer ein Bild­ele­ment ein­mal ver­stan­den hat, ord­net den nächs­ten Text schnel­ler zu.
  • Schwie­ri­ge Bil­der ohne Alter­na­ti­ve
    Man­che Sach­ver­hal­te las­sen sich bild­lich kaum fas­sen. Eine Bro­schü­re kann da nur der Anfang sein für wei­ter­füh­ren­de Gespräche.
  • Leich­te Spra­che ist Team­work
    Bil­der für Leich­te Spra­che kön­nen nur im Aus­tausch mit Expert:innen ent­ste­hen und müs­sen von Leser:innen der Ziel­grup­pe geprüft werden.

Körpersprache als Bildmotiv in Leichter Sprache

Hände verweisen auf das, was unsichtbar ist

Von außen erkennt man eine Schwan­ger­schaft in den ers­ten 12 Wochen kör­per­lich nicht. Wie aber zeigt man eine Schwan­ge­re, wenn es gar kei­nen Bauch“ gibt?
In die­ser Bro­schü­re neh­men wir dafür die Ges­te der schüt­zen­den Hän­de, die auf dem Bauch lie­gen. Eine Bewe­gung, die vie­le Schwan­ge­re tat­säch­lich machen – auch wenn von außen noch nichts zu sehen ist. So wer­den die Frau­en in der Illus­tra­ti­on erkenn­bar schwanger.

Erklär mir das!“ – wenn Kinder mit dem Finger fragen

Illustration für Leichte Sprache: Ein Kind in einem orangefarbenen Oberteil und einer dunklen Hose versteht nicht, was mit dem Embryo im Bauch der Mutter geschieht und stellt Fragen – angedeutet mit einem klaren Fingerzeig auf den Bauch. Die Mutter mit blauem Hidschab und weiter Kleidung steht da und spiegelt die Geste erklärend wieder.

Auch dort, wo es in der Bro­schü­re dar­um geht, Kin­der ein­zu­be­zie­hen, konn­ten wir auf eine typi­sche Ges­te zurück­grei­fen: Kin­der­fra­gen sind oft ver­bun­den mit einem Fin­ger­zeig. Was ist das? War­um ist das so? Was ist da los?
So weiß man gleich, wor­um es geht: Das Kind möch­te wis­sen, wie es der Mut­ter geht. Viel­leicht fragt es sogar direkt nach dem Baby“ im Bauch.

Die Mut­ter in der Illus­tra­ti­on nimmt die Fra­gen ernst, indem sie sich dem Kind zuwen­det, es anguckt und die Ges­te des zei­gen­den Fin­gers spie­gelt. Im Bild ent­steht ein Gespräch, das Kin­der in das The­ma Fehl­ge­burt mit ein­be­zieht und ihre Fra­gen berücksichtigt.

Gesten, die jede:r kennt

Dane­ben nut­zen wir noch eine wei­te­re Ges­te, die als Bild in Leich­ter Spra­che schon lan­ge eta­bliert ist: den erho­be­nen Zei­ge­fin­ger im Warn­drei­eck. Dazu fin­det man vie­le Bild-Vor­la­gen, u. a. im Bil­der-Shop der Lebens­hil­fe Bre­men.

Sensible Bilder für Leichte Sprache

Bei kör­per­li­chen The­men gilt für Leich­te Spra­che eine beson­de­re Sorg­falts­pflicht: Die Bil­der dür­fen nichts ver­schwei­gen, aber auch nicht über­for­dern oder unnö­tig ängs­ti­gen. Men­schen, die auf Leich­te Spra­che ange­wie­sen sind, kön­nen ein belas­ten­des Bild oft nicht so schnell ein­ord­nen oder rela­ti­vie­ren wie jemand, der es aus dem Zusam­men­hang liest.

Unangenehmes implizit zeigen, ohne zu erschrecken

Eine Fehl­ge­burt geht oft mit Blu­tun­gen ein­her – das gehört zum The­ma und darf nicht ver­schwie­gen wer­den. Gleich­zei­tig woll­ten wir kein Bild, das erschreckt oder wie eine Ver­let­zung wirkt. Die Lösung: Blut­fle­cken in der Unter­ho­se. Ein Klei­dungs­stück aus dem All­tag, redu­ziert auf das Nötigs­te – zudem ein Anblick, den vie­le Frau­en von der nor­ma­len Regel­blu­tung ken­nen. Nicht unbe­dingt schön, aber natürlich.

Illustration für Leichte Sprache: gezeigt wird der Ausschnitt einer Person von den Oberschenkeln bis oberhalb des Bauchnabels. Auf der weißen Unterhose sieht man Blutflecken, die auf die Blutung bei einer Fehlgeburt hindeuten.
Abbildung von zwei stehenden Personen; eine trägt einen weißen Laborkittel und hält eine Mappe mit einem roten Kreuz in der Hand, was sie als Ärztin ausweist. Die andere Frau ist leger gekleidet mit einem olivgrünen Oberteil und einer schwarzen Hose. Durch einfache, leicht verständliche Darstellungen werden so als Bild in Leichter Sprache unterschiedliche Rollen veranschaulicht.

Beängstigendes auflösen, indem man den Fokus verschiebt

Bei einer Fehl­ge­burt kann eine Aus­scha­bung nötig oder gewünscht wer­den. Für vie­le Frau­en ist aber allein das Wort OP” beängs­ti­gend, erst recht das Bild davon. In der dazu­ge­hö­ri­gen Illus­tra­ti­on ver­zich­ten wir des­halb bewusst auf eine medi­zi­ni­sche Dar­stel­lung und stel­len statt­des­sen eine Ärz­tin und eine Frau neben­ein­an­der. So kann man in den Vor­der­grund rücken, wor­um es eigent­lich geht: Hil­fe holen, sich bera­ten las­sen und mit Fach­per­so­nal spre­chen, ist immer der ers­te Schritt.

Wiederkehrende Bildmotive für besseres Verständnis

Leich­te Spra­che lebt von Wie­der­erken­nung. Des­halb tau­chen Per­so­nen wie die Ärz­tin oder auch die Heb­am­me inner­halb der Bro­schü­re immer wie­der auf – wer sie ein­mal erkannt hat, muss sie beim nächs­ten Bild nicht neu zuord­nen. Das­sel­be Prin­zip gilt für Sym­bo­le: Ein Kalen­der steht durch­gän­gig für die Ein­ord­nung von Tagen, so wie wir es aus dem All­tag kennen.

  • Sind meh­re­re Tage gelb mar­kiert, geht es klar um einen län­ge­ren Zeitraum.
  • Ist ein ein­zel­ner Tag ein­ge­kreist, geht es um einen kon­kre­ten Termin.

Bei­de Vari­an­ten arbei­ten mit dem­sel­ben Bild – nur die Mar­kie­rung ver­än­dert sich. So bleibt der Kalen­der wie­der­erkenn­bar, ganz gleich, um wel­che Zeit­ein­heit es sich handelt.

Als Gra­fik­de­si­gne­rin war es mir wich­tig, auch klei­ne­re Details immer wie­der auf­zu­neh­men. Den Embryo kann man sich auf die Hand legen oder in eine Wass­er­schüs­sel. Und ent­deckst du die Ker­ze und das Wind­rad wie­der? Sie sind Zei­chen der Erin­ne­rung. Des­halb tau­chen sie gleich auf meh­re­ren Sei­ten und in ver­schie­de­nen Abschnit­ten auf: wenn es dar­um geht in der Trau­er aktiv zu wer­den, bei der Gedenk­fei­er und direkt am Grab.

Schwierige Bilder ohne Alternative

Nicht über­all in der Bro­schü­re gelingt es uns, Bild­mo­ti­ve zu fin­den, die auf Anhieb ver­ständ­lich sind. Der Abschnitt zur Eilei­ter­schwan­ger­schaft zum Bei­spiel wird beglei­tet von einer ana­to­mi­schen Illus­tra­ti­on. Das ist schwer zu ver­ste­hen, wenn man es nicht kennt. Manch­mal geht es nicht anders. Um deut­lich zu machen, dass es um einen Vor­gang im Innern des Kör­pers geht, wei­sen wir mit Käst­chen auf die schwan­ge­re Frau, die bereits aus der Ein­lei­tung bekannt ist:

Eine illustrierte Informationsbroschüre erklärt verschiedene Arten von Fehlgeburten. Die kurzen Texte werden begleitet von Zeichnungen: ein erhobener Zeigefinger in einem Warndreieck, eine Ärztin im Gespräch mit einer Frau, eine Frau, die Hände sanft auf den Unterbauch gelegt hat – dazu Kästchen, die eine blutige Unterhose und die schematische Zeichnung der Gebärmutter mit Eileitern ergänzt.

Dafür ent­schei­den wir uns, dass die ver­hal­te­ne Fehl­ge­burt gar kein eige­nes Bild bekommt. Das nicht-mehr-schla­gen­de Herz des Embry­os lässt sich bild­lich hier nicht fas­sen. So müs­sen wir dar­auf set­zen, dass die Bro­schü­re nur eine ers­te Infor­ma­ti­ons­grund­la­ge bil­det – alles Wei­te­re muss im Gespräch geklärt werden.

Leichte Sprache ist Teamwork

Bil­der für Leich­te Spra­che ent­ste­hen immer in Zusam­men­ar­beit. Zunächst hat Danie­la Nuber-Fischer vom Haus der Fami­lie in Mün­chen die ursprüng­li­che Bro­schü­re auf die wich­tigs­ten Inhal­te gekürzt. Dann sind wir gemein­sam ins Gespräch mit der Agen­tur Ein­fach ver­ste­hen gegan­gen – Exper­tin­nen im Bereich Leich­te Spra­che: Wel­ches Motiv passt zum Text? Wor­auf müs­sen wir beson­ders achten?

Sind die Bil­der fer­tig mit Text gelay­outet, geht der Ent­wurf zurück an die Agen­tur und Men­schen, die Leich­te Spra­che im All­tag nut­zen, prü­fen die Bro­schü­re. Sie lesen, schau­en genau hin und sagen, ob alles passt. Erst dann kann man davon aus­ge­hen, dass die Inhal­te ver­ständ­lich dar­ge­stellt sind.

Eine Frau – Grafikdesignerin Julia Harms – mit hellbraunem Haar und schwarzem Pullover sitzt lächelnd an einem Schreibtisch, mit Regalen und einer teilweise geöffneten Tür im Hintergrund.

Julia Harms

Grafikdesignerin für gute Projekte

Ich gestal­te Inhal­te so, dass sie ver­stan­den wer­den und Men­schen zusam­men­brin­gen. Dabei arbei­te ich eng mit mei­nen Kund:innen zusam­men – kom­mu­ni­ka­tiv, empa­thisch und mit Freu­de an schö­nen Ergebnissen.

Mein Ziel: Design, das Türen öff­net und Wir­kung zeigt.