Bei Informationen in Leichter Sprache gehört zu jedem Sinnabschnitt ein Bild – es hilft, den Text zu verstehen. Bei der Aufklärungsbroschüre „Frühe Fehlgeburt in den ersten 12 Wochen“ standen wir dabei vor mehreren inhaltlichen Herausforderungen:
- Wie stellt man eine Frau dar, der man im ersten Trimester die Schwangerschaft noch gar nicht ansieht?
- Wie zeigt man sensibel, aber möglichst konkret, dass es bei einer Fehlgeburt zu Blutungen kommt?
- Wie macht man Sachverhalte sichtbar, über die man sonst nicht spricht?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Körpersprache als Bildmotiv in Leichter Sprache:
- Eine Schwangerschaft sieht man im ersten Trimester nicht. Eine Geste kann trotzdem zeigen, worum es geht.
- Kinder zeigen mit dem Finger auf das, was sie nicht verstehen. Indem wir das aufgreifen, erzählen wir in einem Bild ein ganzes Gespräch.
- Nicht jedes Bildmotiv muss neu erfunden werden: Der erhobene Zeigefinger ist in Leichter Sprache längst etabliert.
- Sensible Bilder für Leichte Sprache
- Eine Blutung gehört zum Thema Fehlgeburt dazu und darf nicht fehlen – aber sie muss nicht drastisch dargestellt werden.
- Mit Bildern lässt sich der Fokus lenken: Statt einer OP kann man auch die wichtige, medizinische Begleitung durch Fachpersonal in den Vordergrund stellen.
- Wiederkehrende Bildmotive für besseres Verständnis
Wer ein Bildelement einmal verstanden hat, ordnet den nächsten Text schneller zu. - Schwierige Bilder ohne Alternative
Manche Sachverhalte lassen sich bildlich kaum fassen. Eine Broschüre kann da nur der Anfang sein für weiterführende Gespräche. - Leichte Sprache ist Teamwork
Bilder für Leichte Sprache können nur im Austausch mit Expert:innen entstehen und müssen von Leser:innen der Zielgruppe geprüft werden.
Körpersprache als Bildmotiv in Leichter Sprache
Hände verweisen auf das, was unsichtbar ist



Von außen erkennt man eine Schwangerschaft in den ersten 12 Wochen körperlich nicht. Wie aber zeigt man eine Schwangere, wenn es gar keinen „Bauch“ gibt?
In dieser Broschüre nehmen wir dafür die Geste der schützenden Hände, die auf dem Bauch liegen. Eine Bewegung, die viele Schwangere tatsächlich machen – auch wenn von außen noch nichts zu sehen ist. So werden die Frauen in der Illustration erkennbar schwanger.
„Erklär mir das!“ – wenn Kinder mit dem Finger fragen

Auch dort, wo es in der Broschüre darum geht, Kinder einzubeziehen, konnten wir auf eine typische Geste zurückgreifen: Kinderfragen sind oft verbunden mit einem Fingerzeig. Was ist das? Warum ist das so? Was ist da los?
So weiß man gleich, worum es geht: Das Kind möchte wissen, wie es der Mutter geht. Vielleicht fragt es sogar direkt nach dem „Baby“ im Bauch.
Die Mutter in der Illustration nimmt die Fragen ernst, indem sie sich dem Kind zuwendet, es anguckt und die Geste des zeigenden Fingers spiegelt. Im Bild entsteht ein Gespräch, das Kinder in das Thema Fehlgeburt mit einbezieht und ihre Fragen berücksichtigt.
Gesten, die jede:r kennt
Daneben nutzen wir noch eine weitere Geste, die als Bild in Leichter Sprache schon lange etabliert ist: den erhobenen Zeigefinger im Warndreieck. Dazu findet man viele Bild-Vorlagen, u. a. im Bilder-Shop der Lebenshilfe Bremen.
Sensible Bilder für Leichte Sprache
Bei körperlichen Themen gilt für Leichte Sprache eine besondere Sorgfaltspflicht: Die Bilder dürfen nichts verschweigen, aber auch nicht überfordern oder unnötig ängstigen. Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, können ein belastendes Bild oft nicht so schnell einordnen oder relativieren wie jemand, der es aus dem Zusammenhang liest.
Unangenehmes implizit zeigen, ohne zu erschrecken
Eine Fehlgeburt geht oft mit Blutungen einher – das gehört zum Thema und darf nicht verschwiegen werden. Gleichzeitig wollten wir kein Bild, das erschreckt oder wie eine Verletzung wirkt. Die Lösung: Blutflecken in der Unterhose. Ein Kleidungsstück aus dem Alltag, reduziert auf das Nötigste – zudem ein Anblick, den viele Frauen von der normalen Regelblutung kennen. Nicht unbedingt schön, aber natürlich.


Beängstigendes auflösen, indem man den Fokus verschiebt
Bei einer Fehlgeburt kann eine Ausschabung nötig oder gewünscht werden. Für viele Frauen ist aber allein das Wort „OP” beängstigend, erst recht das Bild davon. In der dazugehörigen Illustration verzichten wir deshalb bewusst auf eine medizinische Darstellung und stellen stattdessen eine Ärztin und eine Frau nebeneinander. So kann man in den Vordergrund rücken, worum es eigentlich geht: Hilfe holen, sich beraten lassen und mit Fachpersonal sprechen, ist immer der erste Schritt.
Wiederkehrende Bildmotive für besseres Verständnis
Leichte Sprache lebt von Wiedererkennung. Deshalb tauchen Personen wie die Ärztin oder auch die Hebamme innerhalb der Broschüre immer wieder auf – wer sie einmal erkannt hat, muss sie beim nächsten Bild nicht neu zuordnen. Dasselbe Prinzip gilt für Symbole: Ein Kalender steht durchgängig für die Einordnung von Tagen, so wie wir es aus dem Alltag kennen.
- Sind mehrere Tage gelb markiert, geht es klar um einen längeren Zeitraum.
- Ist ein einzelner Tag eingekreist, geht es um einen konkreten Termin.


Beide Varianten arbeiten mit demselben Bild – nur die Markierung verändert sich. So bleibt der Kalender wiedererkennbar, ganz gleich, um welche Zeiteinheit es sich handelt.
Als Grafikdesignerin war es mir wichtig, auch kleinere Details immer wieder aufzunehmen. Den Embryo kann man sich auf die Hand legen oder in eine Wasserschüssel. Und entdeckst du die Kerze und das Windrad wieder? Sie sind Zeichen der Erinnerung. Deshalb tauchen sie gleich auf mehreren Seiten und in verschiedenen Abschnitten auf: wenn es darum geht in der Trauer aktiv zu werden, bei der Gedenkfeier und direkt am Grab.



Schwierige Bilder ohne Alternative
Nicht überall in der Broschüre gelingt es uns, Bildmotive zu finden, die auf Anhieb verständlich sind. Der Abschnitt zur Eileiterschwangerschaft zum Beispiel wird begleitet von einer anatomischen Illustration. Das ist schwer zu verstehen, wenn man es nicht kennt. Manchmal geht es nicht anders. Um deutlich zu machen, dass es um einen Vorgang im Innern des Körpers geht, weisen wir mit Kästchen auf die schwangere Frau, die bereits aus der Einleitung bekannt ist:

Dafür entscheiden wir uns, dass die verhaltene Fehlgeburt gar kein eigenes Bild bekommt. Das nicht-mehr-schlagende Herz des Embryos lässt sich bildlich hier nicht fassen. So müssen wir darauf setzen, dass die Broschüre nur eine erste Informationsgrundlage bildet – alles Weitere muss im Gespräch geklärt werden.
Leichte Sprache ist Teamwork
Bilder für Leichte Sprache entstehen immer in Zusammenarbeit. Zunächst hat Daniela Nuber-Fischer vom Haus der Familie in München die ursprüngliche Broschüre auf die wichtigsten Inhalte gekürzt. Dann sind wir gemeinsam ins Gespräch mit der Agentur Einfach verstehen gegangen – Expertinnen im Bereich Leichte Sprache: Welches Motiv passt zum Text? Worauf müssen wir besonders achten?
Sind die Bilder fertig mit Text gelayoutet, geht der Entwurf zurück an die Agentur und Menschen, die Leichte Sprache im Alltag nutzen, prüfen die Broschüre. Sie lesen, schauen genau hin und sagen, ob alles passt. Erst dann kann man davon ausgehen, dass die Inhalte verständlich dargestellt sind.
Planst du selbst eine Broschüre in Leichter Sprache?
Lass uns gemeinsam überlegen, wie das gut umzusetzen ist.

Julia Harms
Grafikdesignerin für gute Projekte
Ich gestalte Inhalte so, dass sie verstanden werden und Menschen zusammenbringen. Dabei arbeite ich eng mit meinen Kund:innen zusammen – kommunikativ, empathisch und mit Freude an schönen Ergebnissen.
Mein Ziel: Design, das Türen öffnet und Wirkung zeigt.
