Bilder für Leichte Sprache – am Beispiel einer sensiblen Informationsbroschüre

Bei Informationen in Leichter Sprache gehört zu jedem Sinnabschnitt ein Bild – es hilft, den Text zu verstehen. Aber was, wenn ein Thema besonders sensibel ist oder sich nur schwer bildlich fassen lässt?

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Für Informationen in Leichter Sprache gibt es verschiedene Bild-Datenbanken. Das kann oft ausreichen. Bei sensiblen oder schwierigen Themen empfiehlt es sich, eine:n Grafiker:in zu beauftragen.
  • Bilder für Leichte Sprache nutzen Körpersprache für schnelleres Verstehen: Schützende Hände auf dem Unterbauch oder der fragende Zeigefinger machen sichtbar, worum es geht.
  • Körperliche Themen müssen sensibel dargestellt werden: mit Bildern, die auf Alltagserfahrungen zurückgreifen – oder indem man z.B. ein Vorgespräch visualisiert statt die darauf folgende OP.
  • Wiederkehrende Bildelemente erleichtern das Verständnis: Wer ein Motiv einmal erkannt hat, ordnet den dazugehörigen Text schneller ein.
  • Manche Sachverhalte lassen sich bildlich kaum fassen. Eine Broschüre ist eine gute Grundlage für weiterführende Gespräche.
  • Bilder für Leichte Sprache entstehen immer im Austausch mit Expert:innen – dazu gehören auch Leser:innen der Zielgruppe.
Inhaltsverzeichnis

Woher bekommst du passende Bilder?

Bilder in Leichter Sprache sind fast immer Illustrationen, keine Fotos. Der Grund: Eine Illustration lässt sich auf das Wesentliche reduzieren – kein Hintergrund, keine spezifische Umgebung oder erkennbare Marke, die verwirren könnte. So bleibt der Fokus genau da, wo er hingehört.

Für solche Illustrationen gibt es verschiedene Datenbanken; die größte im deutschsprachigen Raum findest du beim Bilder-Shop der Lebenshilfe Bremen. Allerdings ist auch dort das Angebot begrenzt – gerade bei sensiblen, schwierigen oder abstrakten Themen wirst du nicht immer fündig. Dann lohnt es sich, eine:n Grafiker:in zu beauftragen.

Eine Frau in einem hellblauen Hemd, Grafikdesignerin Julia Harms, sitzt an einem Schreibtisch am Fenster, lächelt und bedient mit einem Stylus ein Tablet. An der Wand im Hintergrund sind bunte Zeichnungen und eine Herzform zu sehen.

Wie das konkret aussehen kann und welche Herausforderungen wir angegangen sind, zeige ich dir am Beispiel der Aufklärungsbroschüre „Frühe Fehlgeburt in den ersten 12 Wochen“:

Körpersprache als Bildmotiv in Leichter Sprache

Hände verweisen auf das, was unsichtbar ist

Von außen erkennt man eine Schwangerschaft in den ersten 12 Wochen körperlich nicht. Wie aber zeigt man eine Schwangere, wenn es gar keinen „Bauch“ gibt?
In dieser Broschüre nehmen wir dafür die Geste der schützenden Hände, die auf dem Bauch liegen. Eine Bewegung, die viele Schwangere tatsächlich machen – auch wenn von außen noch nichts zu sehen ist. So werden die Frauen in der Illustration erkennbar schwanger.

„Erklär mir das!“ – wenn Kinder mit dem Finger fragen

Illustration für Leichte Sprache: Ein Kind in einem orangefarbenen Oberteil und einer dunklen Hose versteht nicht, was mit dem Embryo im Bauch der Mutter geschieht und stellt Fragen – angedeutet mit einem klaren Fingerzeig auf den Bauch. Die Mutter mit blauem Hidschab und weiter Kleidung steht da und spiegelt die Geste erklärend wieder.

Auch dort, wo es in der Broschüre darum geht, Kinder einzubeziehen, konnten wir auf eine typische Geste zurückgreifen: Kinderfragen sind oft verbunden mit einem Fingerzeig. Was ist das? Warum ist das so? Was ist da los?
So weiß man gleich, worum es geht: Das Kind möchte wissen, wie es der Mutter geht. Vielleicht fragt es sogar direkt nach dem „Baby“ im Bauch.

Die Mutter in der Illustration nimmt die Fragen ernst, indem sie sich dem Kind zuwendet, es anguckt und die Geste des zeigenden Fingers spiegelt. Im Bild entsteht ein Gespräch, das Kinder in das Thema Fehlgeburt mit einbezieht und ihre Fragen berücksichtigt.

Gesten, die jede:r kennt

Daneben nutzen wir noch eine weitere Geste, die als Bild in Leichter Sprache schon lange etabliert ist: den erhobenen Zeigefinger im Warndreieck.

Sensible Bilder für schwierige Themen

Bei körperlichen Themen gilt für Leichte Sprache eine besondere Sorgfaltspflicht: Die Bilder dürfen nichts verschweigen, aber auch nicht überfordern oder unnötig ängstigen. Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, können ein belastendes Bild oft nicht so schnell einordnen oder relativieren wie jemand, der es aus dem Zusammenhang liest.

Unangenehmes implizit zeigen, ohne zu erschrecken

Eine Fehlgeburt geht oft mit Blutungen einher – das gehört zum Thema und darf nicht verschwiegen werden. Gleichzeitig wollten wir kein Bild, das erschreckt oder wie eine Verletzung wirkt. Die Lösung: Blutflecken in der Unterhose. Ein Kleidungsstück aus dem Alltag, reduziert auf das Nötigste – zudem ein Anblick, den viele Frauen von der normalen Regelblutung kennen. Nicht unbedingt schön, aber natürlich.

Illustration für Leichte Sprache: gezeigt wird der Ausschnitt einer Person von den Oberschenkeln bis oberhalb des Bauchnabels. Auf der weißen Unterhose sieht man Blutflecken, die auf die Blutung bei einer Fehlgeburt hindeuten.
Abbildung von zwei stehenden Personen; eine trägt einen weißen Laborkittel und hält eine Mappe mit einem roten Kreuz in der Hand, was sie als Ärztin ausweist. Die andere Frau ist leger gekleidet mit einem olivgrünen Oberteil und einer schwarzen Hose. Durch einfache, leicht verständliche Darstellungen werden so als Bild in Leichter Sprache unterschiedliche Rollen veranschaulicht.

Beängstigendes auflösen, indem man den Fokus verschiebt

Bei einer Fehlgeburt kann eine Ausschabung nötig oder gewünscht werden. Für viele Frauen ist aber allein das Wort „OP” beängstigend, erst recht das Bild davon. In der dazugehörigen Illustration verzichten wir deshalb bewusst auf eine medizinische Darstellung und stellen stattdessen eine Ärztin und eine Frau nebeneinander. So kann man in den Vordergrund rücken, worum es eigentlich geht: Hilfe holen, sich beraten lassen und mit Fachpersonal sprechen, ist immer der erste Schritt.

Wiederkehrende Bildmotive für besseres Verständnis

Leichte Sprache lebt von Wiedererkennung. Deshalb tauchen Personen wie die Ärztin oder auch die Hebamme innerhalb der Broschüre immer wieder auf – wer sie einmal erkannt hat, muss sie beim nächsten Bild nicht neu zuordnen. Dasselbe Prinzip gilt für Symbole: Ein Kalender steht durchgängig für die Einordnung von Tagen, so wie wir es aus dem Alltag kennen.

  • Sind mehrere Tage gelb markiert, geht es klar um einen längeren Zeitraum.
  • Ist ein einzelner Tag eingekreist, geht es um einen konkreten Termin.

Beide Varianten arbeiten mit demselben Bild – nur die Markierung verändert sich. So bleibt der Kalender wiedererkennbar, ganz gleich, um welche Zeiteinheit es sich handelt.

Als Grafikdesignerin war es mir wichtig, auch kleinere Details immer wieder aufzunehmen. Den Embryo kann man sich auf die Hand legen oder in eine Wasserschüssel. Und entdeckst du die Kerze und das Windrad wieder? Sie sind Zeichen der Erinnerung. Deshalb tauchen sie gleich auf mehreren Seiten und in verschiedenen Abschnitten auf: wenn es darum geht in der Trauer aktiv zu werden, bei der Gedenkfeier und direkt am Grab.

Schwierige Bilder ohne Alternative

Nicht überall in der Broschüre gelingt es uns, Bildmotive zu finden, die auf Anhieb verständlich sind. Der Abschnitt zur Eileiterschwangerschaft zum Beispiel wird begleitet von einer anatomischen Illustration. Das ist schwer zu verstehen, wenn man es nicht kennt. Manchmal geht es nicht anders. Um deutlich zu machen, dass es um einen Vorgang im Innern des Körpers geht, weisen wir mit Kästchen auf die schwangere Frau, die bereits aus der Einleitung bekannt ist:

Eine illustrierte Informationsbroschüre erklärt verschiedene Arten von Fehlgeburten. Die kurzen Texte werden begleitet von Zeichnungen: ein erhobener Zeigefinger in einem Warndreieck, eine Ärztin im Gespräch mit einer Frau, eine Frau, die Hände sanft auf den Unterbauch gelegt hat – dazu Kästchen, die eine blutige Unterhose und die schematische Zeichnung der Gebärmutter mit Eileitern ergänzt.

Dafür entscheiden wir uns, dass die verhaltene Fehlgeburt gar kein eigenes Bild bekommt. Das nicht-mehr-schlagende Herz des Embryos lässt sich bildlich hier nicht fassen. So müssen wir darauf setzen, dass die Broschüre nur eine erste Informationsgrundlage bildet – alles Weitere muss im Gespräch geklärt werden.

Leichte Sprache ist Teamwork

Bilder für Leichte Sprache entstehen immer in Zusammenarbeit. Zunächst hat Daniela Nuber-Fischer vom Haus der Familie in München die ursprüngliche Broschüre auf die wichtigsten Inhalte gekürzt. Dann sind wir gemeinsam ins Gespräch mit der Agentur Einfach verstehen gegangen – Expertinnen im Bereich Leichte Sprache: Welches Motiv passt zum Text? Worauf müssen wir besonders achten?

Sind die Bilder fertig mit Text gelayoutet, geht der Entwurf zurück an die Agentur und Menschen, die Leichte Sprache im Alltag nutzen, prüfen die Broschüre. Sie lesen, schauen genau hin und sagen, ob alles passt. Erst dann kann man davon ausgehen, dass die Inhalte verständlich dargestellt sind.

Eine Frau – Grafikdesignerin Julia Harms – mit hellbraunem Haar und schwarzem Pullover sitzt lächelnd an einem Schreibtisch, mit Regalen und einer teilweise geöffneten Tür im Hintergrund.

Julia Harms

Grafikdesignerin für gute Projekte

Ich gestalte Inhalte so, dass sie verstanden werden und Menschen zusammenbringen. Dabei arbeite ich eng mit meinen Kund:innen zusammen – kommunikativ, empathisch und mit Freude an schönen Ergebnissen.

Mein Ziel: Design, das Türen öffnet und Wirkung zeigt.